Charlotte Knees: Ich bin nicht du ! Du bist nicht ich !
Kurzartikel für MPS – Zeitschrift in Österreich
Zur Situation von Geschwistern von Kindern mit
Behinderung
Warum diese Überschrift im Zusammenhang mit der Situation von Geschwistern
behinderter, bzw. (chronisch) kranker Kinder ?
Warum eine Aussage, die in sich selbstverständlich ist, zum Thema eines
Artikels machen, der die Anliegen derer in den Mittelpunkt rückt, die
eigentlich nicht betroffen sind ?
In Ihrer Familie lebt ein Kind, vielleicht auch mehrere Kinder mit der Diagnose
MPS. Der Lebensweg mit diesen Kindern verlangt Eltern viel, wenn nicht alles
ab. Sie haben in der Regel die Erfahrung hinter sich, dass ihr Kind Vieles
von dem, was es bereits konnte, wieder verlernt hat und leben mit der Prognose,
dass der Abbauprozess im Laufe der Zeit fortschreiten wird. Die Kinder werden
zunehmend abhängiger von der Unterstützung ihrer Eltern, die neben
der Bewältigung des Alltags das Wissen um die begrenzte Lebenserwartung
in sich tragen und ihren jeweils ganz persönlichen Weg finden müssen,
damit umzugehen.
Wo bleibt in dieser Familiensituation der Platz für Geschwister –ältere
oder jüngere, die nicht von der Krankheit MPS betroffen sind ?
Wie gehen sie mit ihren Erfahrungen um ? Welche Fragen bewegen sie ? Äußern
sie diese Fragen ? Wem gegenüber ? Und wenn nicht......... ?
Im Rahmen unserer Begleitangebote für Geschwister von Kindern mit Behinderung
- wir bieten Gruppen an, in denen der Austausch über gemeinsame
Erfahrungen im Mittelpunkt steht – erleben wir hauptsächlich Kinder
und Jugendliche, die grundsätzlich bereit sind, ihren Teil zum Gelingen
des Familienlebens beizutragen. So wie ihre Familie lebt, ist es für
sie normal, wenn auch andere Familien, zum Beispiel die der Schulkameraden
eine ganz andere Normalität leben.
Dieses „anders leben“ als solches erkennen und benennen dürfen ist eine
der Auseinandersetzungen, die Geschwisterkinder führen, verbunden mit
der Frage mit wem sie darüber austauschen können. Sie erleben die
Eltern ausgefüllt mit den Aufgaben für das kranke Geschwisterkind
und wollen nicht zusätzlich belasten. Hinzu kommt eine innere Unsicherheit,
ob es nicht „Verrat“ an der eigenen Familie wäre, die eigenen Lebensumstände
zu hinterfragen und festzustellen, dass sie nicht der Norm entsprechen.
„Ich kann mich noch so bemühen, meine Leistungen werden nie ausreichen,
dass sie das Interesse meine Eltern wecken könnten. Im Vergleich zur
Lebenssituation meines Bruders, meiner Schwester sind sie immer zweitrangig
!“ Diese Aussage fasst zusammen, was Geschwister erleben und altersabhängig
vom Verständnis her auch begreifen und nachvollziehen können, vom
Gefühl her für sie jedoch schmerzvoll und immer wieder enttäuschend
ist.
Sie lernen früh „vernünftig“ zu sein, genießen es auch, ob
ihrer Reife geschätzt zu werden, verstehen, in den Hintergrund zu treten
und wünschen sich doch oft nichts sehnlicher als mit ihren im Vergleich
zu den kranken Geschwistern „geringfügigen“ Problemen gesehen und ernst
genommen zu werden.
Sie entwickeln auf Grund der zu berücksichtigenden Bedürfnisse
der betroffenen Geschwister eine hohe soziale Kompetenz, die sowohl bei der
Versorgung und Alltagsroutine zu Tage tritt, als auch durch das Hintanhalten
der eigenen Bedürfnisse gekennzeichnet ist. Oftmals werden sie über
diese soziale Kompetenz definiert, werden wertgeschätzt, weil sie in
Gruppen, Klassengemeinschaften diese Fähigkeit ein bringen. Das ist
solange in Ordnung, solange auch die individuelle Persönlichkeit der
Geschwisterkinder mit all ihren Facetten wahr – und angenommen wird und ihnen
nicht zugemutet wird, die Rolle der sozialen Integrationsfigur selbstverständlich
übernehmen zu müssen.
Das Zusammenleben mit ihrem Bruder, ihrer Schwester oder auch mehreren Geschwistern
mit MPS verlangt von ihnen die Auseinandersetzung mit einem körperlichen
Abbauprozess, der nicht sie persönlich, sondern einen geliebten, meistens
in der gleichen Altersphase lebenden Menschen betrifft.
Das wirft Fragen auf : Kann das mir auch passieren ? Warum hat meine Bruder,
meine Schwester diese Krankheit, nicht ich ? Wird mein Bruder, meine Schwester
sterben ? Wie wird diese Situation sein – wird dann jemand bei mir sein ?
Fragen, die sie den Eltern oft nicht stellen wollen, um sie nicht noch trauriger
zu machen. Dabei können sie Gespräche der Eltern mitverfolgen in
denen diese Fragen über das kranke Geschwister austauschen, die nicht
betroffenen Geschwisterkinder jedoch nicht beteiligen, um sie nicht zu belasten.
Als außenstehende, nicht direkt in das Familiengeschehen involvierte
Mitmenschen mit dem für diese Aufgabe notwendigen fachlichen Hintergrund,
können wir das Angebot machen, Räume zu schaffen, in denen Erfahrungen
angesprochen und mit ähnlich Betroffenen ausgetauscht werden. Unsere
Aufgabe dabei ist vor allem das mitfühlende Zuhören und genaue
Hinhorchen, um durch unsere Fragen zu vermitteln, dass es berechtigt ist
Fragen zu haben, dass es notwendig ist, Fragen auszusprechen, dass es gelingen
kann, Antworten auf Fragen zu finden – sie kommen oft von den Kindern selbst
und haben damit großes Gewicht - und dass es Fragen gibt, die nicht
zu beantworten sind, es aber trotzdem sinnvoll ist, sie zu stellen.
Wir können die Kinder ermutigen, Eltern Fragen zu stellen – auch die,
die schwierig sind und auch solche, die traurig machen. Die Erfahrung, dass
Eltern ebenfalls Fragen haben, die sie nicht beantworten können aber
bereit sind, sich diesen Fragen zu stellen, schafft Vertrauen, ermöglicht
dem Geschwisterkind seinen Platz innerhalb der Familie zu finden und zu behaupten.
Das Signal sich mit seiner Persönlichkeit und seinen Anliegen zu vermitteln,
sowohl innerhalb der Familie als auch nach außen ermöglicht den
Geschwistern nach und nach zu begreifen, dass es ihnen erlaubt ist, den eigenen
Lebensweg zu gehen und zu gestalten, unabhängig von dem des kranken
Geschwisterkindes.
©Charlotte Knees