„Es ist besser schwieriges zu wissen
als schwieriges zu ahnen“
Vortrag von Marlies Winkelheide am 3. April 2004 auf
der Fachtagung für Dauerbeatmete Kinder in Wuppertal .
Eine kürzere Version dieses Vortrages wird in der Zeitschrift Heilberufe
erscheinen.
Geschwister von Kindern mit Behinderungen melden sich zu Wort. Wie können
wir ihnen richtig zuhören?
Florian, 11 Jahre, fragt sich, welche Behinderung seine Schwester Heike, 9
Jahre, hat. Sie sieht immer schlechter, sie läuft immer schwerer. Dass
sie ganz undeutlich spricht, daran hat er sich bereits gewöhnt.
Florian kennt seine Schwester gut und beobachtet sie genau. Seine Eltern haben
vor Jahren mit ihm darüber gesprochen, dass Heike behindert ist. Damals,
er war 5 Jahre und Heike 3 Jahre, hatte er sie gefragt, warum Heike nicht
so laufen könne wie er. Florian möchte geduldig mit seiner Schwester
sein, obwohl sie ihn manchmal ganz schön nervt. Er will auch nicht ihr
Diener sein, so nennt sie ihn manchmal. Im Moment weiß er aber
nicht, ob sie etwas wirklich nicht mehr kann oder nur so tut, weil sie auch
ganz schön bequem ist.
Er mag die Eltern nicht fragen, weil sie dann immer so traurig werden. Er
weiß aber, dass die Eltern über Heikes Behinderung sprechen, wenn
er nicht dabei ist. Manchmal hört er abends Sätze aus Gesprächen
der Eltern, wenn er sie in ihrem Zimmer überrascht.. Aber zu fragen traut
er sich nicht.
Die Geschichte von Florian ist kein Einzelfall. Es fällt Eltern schwer
mit ihren Kindern über die Behinderung bzw. Beeinträchtigung eines
Bruders, einer Schwester zu sprechen. Für die Kinder mit Behinderung
erwarten sie dabei die Unterstützung von Fachleuten, mit denen sie ohnehin
zu tun haben. Aber wer stellt sich den Geschwistern? Wer gibt auch den
Eltern Hilfestellung bei all den Fragen, die Geschwister formulieren:
- Warum habe gerade ich einen behinderten Bruder?
- Warum gibt es behinderte Menschen?
- Warum sind manche Menschen so gemein zu behinderten Kindern?
- Was ist der Unterschied zwischen Krankheit und Behinderung?
- Warum haben Menschen Angst vor behinderten Menschen?..........
Florian trifft sich mit anderen Geschwistern. In der Gruppe holt er sich Informationen
, fasst Mut die eigenen Eltern doch zu fragen. In einer Gruppe von Geschwistern
mit ähnlichen Erfahrungen weiß er sich verstanden mit seinen Fragen,
auch wenn sie nicht konkret beantwortet werden können, was die Behinderung
seiner Schwester betrifft.
Es ist wichtig Fragen stellen zu können. Es ist wichtig da Antwort zu
bekommen, wo eine Frage eindeutig zu beantworten ist. Und es macht Sinn nach
Antworten zu suchen bei den Fragen, zu denen es unterschiedliche Positionen
gibt. Das hängt mit der eigenen Auseinandersetzung der antwortenden Menschen
zusammen, mit ihrer Weltanschauung, Religion, mit ihren Zugängen zu
diesen oftmals existentiellen Fragen. Es obliegt dann dem Fragesteller zu
entscheiden, welche Antwort für ihn passend ist. Durch eine Antwort entstehen
mitunter weitere Fragen.
Kinder wie Florian fragen u.a. auch:
- Warum machen Eltern so viel Unterschiede zwischen behinderten
und nichtbehinderten Kindern?
- Warum dürfen behinderte Kinder mehr als andere?
- Warum wird über behinderte Kinder mehr erzählt als über
nicht behinderte Kinder?
Was führt Geschwister zu diesen Fragen, was beobachten sie?
Geschwister von Kindern mit Behinderung leisten viel. Sie haben einen ganz
eigenen Zugang zu dem Leben ihrer Brüder und Schwestern Sie sind oft
ihre Wegbegleiter, Vorbilder.
Sie werden herangezogen zu manchen Aufgaben, die sich von denen anderer Kinder
in ihrem Alter unterscheiden. Sie erfahren sehr früh in ihrem Leben
von Leid, lernen Leben in unterschiedlichen Formen kennen.
Sie sind in der Regel dazu bereit das Leben in der Familie mitzutragen, ihren
Teil dazu beizutragen, damit das Leben für alle gelingen kann.
Eltern sind meist auch auf Unterstützung durch die Geschwister
angewiesen, auf ihr Verständnis für viele Situationen. Das Kind
mit Behinderung steht oft im Mittelpunkt, die Befriedigung seiner Bedürfnisse
können oft nicht vertagt werden.
Für die Eltern ist es eine Gratwanderung der Entscheidung: Wo müssen
sie die Geschwister fordern, weil das Leben mit Behinderung eine Herausforderung
an alle in der Familie ist? Wo sind die Geschwister überfordert? Wie
können Lebenssituationen, auf die die Familie Einfluss hat, so verändert
werden, dass nicht zu viele Überforderungen entstehen?
Geschwister beobachten sehr genau, wie wichtig den Eltern das Wohlbefinden
der Kinder mit Behinderung ist, wie viel sie mitunter kämpfen müssen,
damit sie ihr Leben so gut wie möglich gestalten können. Jeder noch
so kleine Fortschritt wird bemerkt, anderen , Verwandten, Ärzten etc.
davon berichtet. Manches, was schwierig ist oder schwieriger wird, wird so
lange wie möglich übersehen.
Was aber wird von dem erzählt, was für die Geschwister ebenso wichtig
ist?
Was wird anderen über sie mitgeteilt?
Geschwister wissen selbst gut einzuschätzen, was sie in der Familie leisten.
Dazu ein Beispiel:
Während eines Treffens einer Geschwistergruppe hatten Kinder einmal
die Idee sich ein Zeugnis als Geschwister auszustellen.
Folgende „Fächer“ kamen schnell zusammen:
- Rücksicht nehmen
- Geduld haben
- Vernünftig sein
- Auf das Geschwisterkind aufpassen
- Erfinderisch sein
- Verständnis haben
- Durchsetzungsvermögen
- Ausdauer haben
- Nachgeben können
- Sich nicht wehren können
- Vorbild sein
- Richtige Zeitpunkte für eigene Fragen finden
- Sich dem Rhythmus anderer anpassen können
- Aufmerksam sein
- Sprachen lernen, für die es kein Wörterbuch gibt (von den
Kindern wird der Begriff „behindisch“ geprägt)
Die Kinder arbeiteten mit hoher Konzentration an dieser selbst gestellten
Aufgabe:
Die Kinder sind erstaunt, welche „Leistungen“ sie genannt haben. In
Schulzeugnissen wären sie nicht zu finden, allenfalls in schriftlichen
Beurteilungen. Als Beispiele nennen die Kinder:
„Er hat wenig Geduld.“
„Seine Ausdauer muss ausgeprägter werden.“
„Sie sollte lernen, sich nicht immer in den Mittelpunkt zu stellen.“
Die 13 Geschwister zwischen 7 und 13 Jahren bestanden darauf ihre Leistungen
zu benoten, es sollten schließlich richtige Zeugnisse für Geschwister
werden.
Dazu einige Aussagen der Kinder, wörtlich wiedergegeben:
Markus, 12 Jahre:
„Manches von dem, was wir oben gesagt haben, kann ich gut, manches kann ich
nicht so gut. Aber wenn ich ein Zeugnis für diese „Fächer“ bekommen
würde, müsste meine Mutter wegen mir nicht so oft in der Schule
erscheinen.“
Fabian, 10 Jahre:
„In ‚Rücksicht nehmen’ :1. Die Zensur passt. Aber ich werde dazu gezwungen
immer Rücksicht zu nehmen. Gegen meine Schwester komme ich einfach nicht
an, da ist es besser, ich nehme gleich Rücksicht.“
Alexander, 10 Jahre:
„Ich würde mir in Rücksicht nehmen auch eine 1 geben, meine Mutter
würde mir höchstens eine 4 geben. Sie ermahnt mich immer, mehr Rücksicht
zu nehmen. Sie sagt: ‚Du bist zwar der Jüngere, aber Petra kann das
nicht verstehen.’ Meine Mutter ahnt gar nicht, wie anstrengend das ist, denn
meine behinderte Schwester weiß wie sie das ausnutzen kann.
Stefan, 11 Jahre:
„In ‚sich nicht wehren können’ bin ich ganz gut. Ich müsste hier
ein besonderes Lob bekommen. Ich kann mich aber doch gar nicht wehren. Meine
Schwester kann nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist. Sie ist die
Schwächere. Wie soll ich mich da wehren ?
Manchmal würde ich das schon gerne. Aber wenn ich es versuche, verliere
ich ohnehin, denn meine Eltern stehen immer auf ihrer Seite. Und wenn ich
dann schreie, weil ich mich damit wehren will, bekomme ich Ärger. Wenn
ich ihr mal eine zische, schäme ich mich dafür. Also, was soll’s
? Sie kann ja nichts dafür. Mit meinem kleinen Bruder kann ich mich streiten
und mich gegen ihn zur Wehr setzen. Können wir übrigens noch ein
Fach einfügen, das ‚Ärger runterschlucken’ heißt ?“
Matthias, 12 Jahre :
„Verdammt, das geht nicht so mit den Zensuren. Das muss ganz anders aussehen!“
Wie, weiß ich auch nicht und wer uns dabei wirklich helfen könnte,
kann ich nicht sagen.
Unsere Eltern würden uns ja schlechter beurteilen, als wir es eigentlich
sind, damit wir uns noch mehr anstrengen.
Wir müssen uns schon wirklich selbst einschätzen, denn wir wissen
selbst, was wir tun und was wir können und wir spüren sehr gut,
wobei uns die Anderen noch anders haben wollen. Aber uns fragt ja keiner danach.
Oder werdet ihr zu Hause danach gefragt ?“
Dieses Beispiel zeigt in den Worten der Kinder, was ihre Leistungen sind.
Sie wollen- das zeigt das Beispiel von Florian, dass sie einbezogen werden,
dass auch über sie erzählt wird. Selbst wenn sie in der Schule mal
nicht so gut sind, auch wenn es mal Ärger gegeben hat, es gibt immer
Dinge zu erzählen, die wichtig sind ebenso wie z.B. die Nachrichten aus
den Therapien der behinderten Geschwister.
Die Geschwister melden sich zunehmend zu Wort – in der Familie, in der
Öffentlichkeit. Eltern sind bemüht ihnen „Räume“ zu schaffen,
die nur für sie bestimmt sind, z.B. einen Nachmittag nur für das
Geschwisterkind, ein Erlebnis mal ohne das Kind mit Behinderung. Eltern suchen
Räume, in denen für Geschwister der Austausch mit Gleichbetroffenen
möglich ist.
Im Zusammenleben mit Menschen mit Behinderungen kann es nicht darum gehen
Geschwistern Belastungen vorzuenthalten, sondern es muss das Maß gefunden
werden sie so zu beteiligen wie es möglich ist, damit sie mittragen können,
was in der Familie zu tragen ist.
So formulierten es auch Geschwister in einem Memorandum an die Eltern:
- Sag nicht, dass ich keine Probleme mit unserer Situation habe. Ich will
sie mittragen und helfen. Aber das ist nicht immer leicht.
- Lass mich übe das sprechen, was mich bedrückt. Auch wenn es
nichts ändert oder änderbar ist. Du weißt aus eigener Erfahrung,
dass Reden hilft.
- Hab auch mal Zeit für mich und meine Sorgen. Sie sind auch ganz
wichtig. Lass mich nicht zu oft sagen müssen „Ich bin doch auch noch
da“.
- Sorg dich nicht, dass du zu wenig Zeit für mich hast. Was zählt,
ist, wie wir diese Zeit miteinander nur für uns verbringen.
- Hab keine Angst, mir genau zu sagen, was du in bezug auf meinen Bruder,
meine Schwester von mir willst. Dann weiß ich , woran ich bin.
- Lass mich auch mal wütend sein dürfen auf alle bei uns, was
durch die Behinderung so schwierig ist. Wenn du mir kein schlechtes Gewissen
magst, beruhige ich mich schneller.
- Entzieh dich nicht, wenn ich etwas über die Behinderung wissen
will. Ich kann schon verstehen, dass du mir nicht immer antworten kannst.
Dann sag mir, wohin ich gehen soll.. Ich brauche Antworten.
- Du musst mir nicht immer zeigen, dass du alles schaffst. Ich weiß
einfach, dass manches schwer ist.
( Aus Knees, Charlotte; Winkelheide, Marlies: Ich bin nicht du . Du bist nicht
ich
Aus dem Leben mit behinderten Geschwistern, Kevelaer 1999)
Geschwister von Kindern mit Behinderungen, wenn sie nicht zu sehr überfordert
werden,
können an ihrer Lebenssituation wachsen, haben darin eine Chance zur
Persönlichkeitsentwicklung. Ihr Leben ist geprägt durch das Zusammenleben
mit einem Bruder, einer Schwester mit Behinderung. Sie sind sensibel, können
sich gut in Menschen einfühlen, haben Verständnis für viele
soziale Situationen.
Sie sagen u.a. von sich:
Ich bin die, die ich bin, gerade durch die Tatsache, dass ich diesen Bruder
habe.
Ich bin der, der ich bin, gerade durch die Tatsache, dass ich diese Schwester
habe.
Um ihrer selbst willen, .- auch um die Möglichkeiten des Lernens von
ihnen -sollten wir genau auf sie hören, ihre Signale und Botschaften
verstehen lernen, ihnen ein Forum schaffen,
dass ihre Botschaften öffentlicher werden können:
„Leben ist lernen zu merken, dass andere einen gerne haben.“ so formulierte
es die 14jährige Stefanie, die mit ihrem schwerst mehrfachbehinderten
Bruder in der Familie lebte.“ Ich habe von meinem Bruder sehr viel für
meine eigene Lebensgestaltung gelernt.“
Es geht darum Fragen zu hören und sie nicht zu überhören. Es
geht darum den Geschwistern das Signal zu geben , dass wir uns ihren Fragen
stellen wollen, uns mit ihrer Lebenssituationen befassen wollen, auch wenn
das eine Herausforderung an das eigene Leben ist.
- Warum lässt Gott das Leid so vieler behinderter Menschen zu?
- Warum muss mein Bruder so leiden?
- Warum wichtig ist Lesen und Schreiben oder gibt es wichtigere Werte?
- Warum gibt es Menschen, die keine behinderten Kinder haben wollen?
Es ist nie zu spät anzufangen auf die Botschaften der Geschwister genau
hören zu wollen und ihnen weitere Möglichkeiten zu verschaffen,
dass sie sich zu Wort melden können.