Geschwister- und Familienseminare
November 2000 - Mai 2001



 

Geschwisterseminar in Bremen

Veranstalter:
Arbeitskreis DOWN-Syndrom e.V. (Kirchlinteln), Tobiasschule Bremen
 
 

"Ich bin doch auch noch da!"
Nach einem

Seminartag im Mai 2000 in der Tobias-Schule, der von fast 20 Kindern und Jugendlichen besucht wurde, entstand die Idee für ein Jahr eine sozusagen feste Gruppe von Kindern und Jugendlichen anzubieten, die sich  im Rahmen eines Schuljahres mehrfach treffen sollten. Gedacht war an 5 Termine, jeweils an einen Samstag von 10 - 17 Uhr und an ein anschließendes Familienwochenende. Zu dem Gesamtangebot, zu dem die Kinder und Jugendlichen sich geschlossen anmelden sollten, gehören zwei Elternabende.
Seit nunmehr 19 Jahren arbeite ich in Gruppen mit Geschwistern von Kindern mit Beeinträchtigungen und Behinderungen, eine solche Gruppe hatte es in diesem Kontext bisher noch nicht gegeben. Die Nachfrage danach war immer groß, zumal immer wieder Eltern einzelner Kinder anfragten, in welche Gruppe sie denn ihre Kinder geben könnten. Diese Gruppe sollte jederzeit auch neue Kinder und Jugendliche aufnehmen können, ihnen für ihre speziellen Fragestellungen einen Platz bieten. Deshalb ist die Gruppe gleichermaßen geschlossen wie offen.
Zielgruppe sollten die Mädchen und Jungen sein, deren Geschwister mit Beeinträchtigungen die Tobias-Schule besuchen.
Träger der Seminarreihe ist der Arbeitskreis Down-Syndrom Kirchlinteln.
Begleitet wird die Gruppe von einem Team von Mitarbeiterinnen, im Augenblick sind wir zu fünft.

Obwohl im Voraus viel Interesse für ein solches Seminar gezeigt wurde, liefen die Anmeldung schleppend. Zur Anfang hatten wir nur 14 Kinder. Die Jugendlichen blieben weg und das Alter der teilnehmenden Kinder lag zwischen 7 und 12 Jahren:
5 Mädchen, 9 Jungen.
Tatsächlich war bisher - es haben bereits 3 Termine stattgefunden- nie die gesamte Gruppe da.
8, 13 und 10 Kinder waren es jeweils. Zwischen den Treffen gibt es Post und Fotos - das hält das Interesse wach, erinnert. Laut Aussagen der Eltern an dem ersten Elternabend haben die Kinder damit ihr "kleines Geheimnis". Sie fühlen sich wichtig, wenn auch sie in dieser Sache Post bekommen.

Die Gruppe hat sich Regeln gegeben, bei jedem Treffen wird überprüft, ob sie ausreichen, ob sie ergänzt werden müssen.. Für den Ablauf der Gruppe - Aufbauen, Büffett, Abräumen, Fotografieren, Bücher - hat jeder - Kinder wie Erwachsene- Verantwortung übernommen. In einem Gruppenbuch wird festgehalten, was wichtig ist.
Es gibt eigene Tagungsrucksäcke - jeder hat eine besondere Situation zu tragen, man muss lernen gut zu packen - die zu Beginn gestaltet wurden. Bei jedem Treffen kommt ein weiteres Symbol hinein. Die Rücksäcke füllen sich allmählich, auch mit den Erfahrungen, die nicht sichtbar festgehalten werden können.
Die Mädchen und Jungen schildern ihre Fragen, stellen Fragen an ihre Lebenssituation.
"Ich finde nicht die richtigen Worte um meiner Mutter zu vermitteln, dass sie auch mal auf meiner Seite stehen soll, "trägt eins der Kinder vor.

Die Kinder fragen nach, erzählen aus ihrer eigenen Lebenssituation, unterstützen sich gegenseitig. In Rollenspielen versuchen sie deutlich zu machen worum es geht, versuchen mit Unterstützung der Erwachsenen andere Lösungen zu finden. Sie alle sind in der gleichen Situation, sie alle leben mit einem behinderten Bruder, einer behinderten Schwester Sie wollen grundsätzlich diese Situation mittragen, aber sie wollen  es nicht immer. Brüder und Schwestern "nerven" manchmal. Sich wehren können gegen jemanden, der nichts dafür kann, dass er so ist wie er ist , ist eines der Themen. Und es ist nicht leicht mit dem eigenen schlechten Gewissen fertig zu werden, wenn man sich entzieht, wo man hilfreicher sein sollte. Man spürt den Anspruch der Eltern den Bruder mitspielen zu lassen, aber immer hat man keine Lust dazu.
Die Kinder sprechen untereinander und mit uns eigentlich ständig. Manche von ihnen haben noch nicht so oft ihre Gedanken geäußert, sind voll davon und genießen es, dass nur ihnen zugehört wird. Auch die Situation auf dem Schulhof in ihren Schulen ist immer wieder Thema:

Die Kinder sind kritisch im Umgang miteinander, sie hinterfragen sich, haben aber nun gelernt genau hinzusehen. Wir sind noch mittendrin in allen Erfahrungen. Die Themen in der Gruppe gehen nicht aus. Die Kinder - und auch die Eltern - fragen jetzt schon, ob die Gruppe im Herbst auch weitergeht.
Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit der Öffnung der Gruppe, es kamen  bei jedem Treffen Kinder dazu. Es entwickelt sich eine außergewöhnliche Zusammengehörigkeit, ein Interesse aneinander. Und wir haben viel Spaß miteinander, beim Erzählen, bei den Rollenspielen, bei Spielen und Liedern. Am Ende eines jeden Treffens schreiben wir uns gegenseitig etwas in die persönlichen Tagebücher. Dafür muss immer mehr Zeit eingeräumt werden, ein gutes Zeichen...
Die Tobias-Schule ist ein wunderschöner Ort für unser Treffen. Alle bisher Beteiligten hoffen, dass es weitergehen kann und wir möchten auch anderen Eltern und Kindern Mut machen, sich diesen lohnenswerten Auseinandersetzungen zu stellen.
Unsere Arbeit braucht neue finanzielle Mittel. Wenn wir die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen wollen, wenn wir mitunter an ihren Schwierigkeiten arbeiten wollen, wenn sie im Mittelpunkt stehen, dann braucht es viele Erwachsene, die da mithelfen.
Zwei Seminartage haben wir noch vor uns, auf die wir uns alle freuen. Und es war ein Beschluss der Eltern, nicht mit der ganzen Familie an dem Abschluss Wochenende im Juni teilzunehmen, sondern ihre Zeit mal ganz den Geschwistern zur Verfügung zu stellen, die in der Gruppe sind. Wir werden gemeinsam in die Jugendherberge nach Zeven fahren und sicher danach noch mal berichten.

Marlies Winkelheide, im Februar 2001


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